Wochenschau

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Auf dieser Seite finden sich aktuelle Nachrichten aus und zu Marinen aus aller Welt, die aus Platzmangel oder wegen kurzfristiger Aktualität in der gedruckten Ausgabe entweder gar nicht erscheinen oder die wir wegen des frühen Redaktionsschlusses dort nicht in angemessenem zeitlichen Zusammenhang darstellen können und daher hier schon einmal vorweg nehmen.
Wir sind bemüht, diese Wochenschau möglichst jeweils Freitags spät nachmittags zu aktualisieren.

Daneben bieten wir interessierten und sprachkundigen Lesern die Möglichkeit, über die nachstehenden Links  auch direkt auf aktuelle Nachrichten der US Navy, der britischen Royal Navy, der französischen Marine und der russischen Marine zuzugreifen.

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Beim US-amerikanischen Marine-Nachrichten-Portal SeaWaves findet sich neben vielen anderen Inhalten auch eine Seite mit weltweit geplanten bzw. angekündigten Flottenbesuchen (auch deutscher Einheiten)

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Aktualisiert am 22. September 2017           Nächste Aktualisierung - voraussichtlich - am 29. September 2017

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NAH-/MITTELOST

Die militärische/sicherheitspolitische Lage im Nahen-/Mittleren Osten bleibt von der Bekämpfung des islamistischen Terrors, den Bürgerkriegen in Syrien und Jemen sowie dem andauernden politischen Konflikt mehrerer arabischer Staaten mit dem Emirat Katar bestimmt.

ISLAMISTISCHER TERROR IN SYRIEN UND IRAK (Fortschreibung)

Bei der Bekämpfung des islamistischen Terrors in Syrien und Irak bleibt trotz - vielleicht auch wegen - aller Fortschritte eine international übergreifende Koalition weiterhin Fernziel. Unverändert bestimmen divergierende Eigeninteressen zahlreicher Staaten sowie die Spaltung zwischen Schiiten und Sunniten die Entwicklung.

SYRIEN - IRAK: US-geführte Koalition (Operation „Inherent Resolve“)

Eine US-geführte multinationale Koalition setzt mit Operation „Inherent Resolve“ Luftschläge gegen islamistische Terrorgruppen in Irak und Syrien fort. Ziele sind Kommandozentren (Führungspersonen), Stützpunkte, Depots und von Islamisten kontrollierte Öl-Anlagen, daneben aber auch logistische Straßentransporte und Gruppen verlegender Kämpfer. Viele Angriffe dienen der direkten Unterstützung (Close Air Support) irakischer Truppen und syrischer (kurdischer) Oppositionsmilizen. Zum Einsatz kommen US-Trägerkampfflugzeuge und landgestützt von Flugplätzen der Golfstaaten, Jordaniens und der Türkei operierende Kampfflugzeuge und Drohnen der Streitkräfte zahlreicher Staaten. Die britische Royal Air Force nutzt ihre Basis in Akrotiri (Zypern).

Der US-Flugzeugträger „Nimitz“ setzt im Persischen Golf den Einsatz seiner Kampfflugzeuge gegen IS-Ziele in Irak und Syrien fort. Der am 1. Juni mit dem Auslaufen aus Everett (Washington) begonnene Einsatz der „Nimitz“ Carrier Strike Group (CSG) soll länger als die ursprünglich geplanten sechs Monate bis über das Jahresende hinaus dauern. In der abgelaufenen Woche führte die „Nimitz“ gemeinsame Operationen mit dem Zerstörer „Jean Bart“ und der Fregatte „Auvergne“ der französischen Marine durch.
'Nimitz' mit den beiden französischen Schiffen (Foto: US Navy)

Etwa zwei Wochen lang war auch die australische Fregatte „Newcastle“ in die „Nimitz“ CSG integriert.
'Newcastle' (Foto: RAN)
Die australische Marine verlegt schon seit Jahren in ablösenden, jeweils etwa sechsmonatigen Einsätzen Kampfschiffe zu Maritime Security Operations in die Golfregion. Die Verlegungen erfolgen zwar im Rahmen der nationalen Operation „Manitou“, aber die Schiffe sind in der Golfregion dann in die multinationale Combined Task Force (CTF) 150) integriert. Schon mehrfach haben sie sich vorübergehend auch im Golf operierenden Carrier Strike Groups der US Navy angeschlossen.

Die Anfang September in der Region eingetroffene „America“ Amphibious Ready Group der US Navy hat die vor Dschibuti durchgeführte mehrwöchige amphibische Übung „Alligator Dagger“ beendet. Zurzeit wird der Verband im Golf von Aden gemeldet. Eingeschiffte Jagdbomber AV-8B Harrier und Kampfhubschrauber des US Marine Corps können bei Bedarf auch über Land (z.B.gegen islamistische Terrorgruppen im Jemen oder in Somalia) eingesetzt werden.
 

SYRIEN: Russland – Türkei

Russland gibt der Bekämpfung des IS in Syrien offiziell Priorität, macht allerdings unverändert keinen wirklichen Unterschied zwischen Islamisten und Oppositionsrebellen; außerhalb von erklärten „De-Eskalationszonen“ (s.u. Bürgerkrieg) gelten alle gleichermaßen als “Terroristen”. Nach wie vor erfolgen russische Luftangriffe auch in Gebieten, in denen keine islamistischen Milizen aktiv sind. So bombardierten russische Kampfflugzeuge in der abgelaufenen Woche u.a. Stellungen der mit den USA verbündete kurdischen Miliz YPG – was der russische Generalstab allerdings mit dem Hinweis auf „ausschließlich Einsätze gegen IS“ entschieden dementierte.

Die Türkei bekämpft zwar auch IS, scheint aber in ihrem allgemeinen Kampf gegen Terrorismus der „Neutralisierung“ von Kurden deutlich größere Priorität zu geben. Gelegentlich gibt es auch schon direkte Gefechtsberührungen zwischen türkischen Soldaten und von den USA im Kampf gegen IS (mit „embedded“ Special Forces) unterstützten kurdischen Milizen. Ein am 25. September von Kurden im Nordirak geplantes Unabhängigkeitsreferendum könnte der Türkei einen Vorwand für militärische Operationen zur „Terrorbekämpfung“ auf grenznahem syrischem Gebiet liefern.

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BÜRGERKRIEG IN SYRIEN (Fortschreibung)

Karte: IHS MonitorIn den auf Initiative von Russland, Syrien, dem Iran und der Türkei erklärten „De-Eskalationszonen“ herrscht weiterhin vergleichsweise Ruhe. Andernorts gehen die Kämpfe weiter; islamistische Milizen bleiben ohnehin grundsätzlich von allen Feuerpausen ausgenommen. Bei der jüngsten Gesprächsrunde der Bürgerkriegsparteien in Astana (Kasachstan) hat man sich nach zähen Verhandlungen formell auf die Einrichtung einer vierten „De-Eskalationszone“ bei Idlib verständigt.

Russland sieht in den „De-Eskalationszonen“ die Basis für ein Ende des Bürgerkrieges. Sie zwängen Oppositionsmilizen zur räumlichen Trennung von islamistischen Terrorgruppen, und dies eröffne Chancen für politischen Dialog. In den Zonen vereinbarte Feuerpausen wurden teilweise auch schon in formelle regionale Waffenstillstände überführt. Russland strebt eine unabhängige Überwachung von deren Einhaltung an, kann aber ohne UN-Mandat noch keine nicht im syrischen Bürgerkrieg involvierten Länder zur Entsendung von Friedenstruppen bewegen. So werden vorerst nur russische Militärpolizisten eingesetzt.
 

Maritime Aspekte

Im östlichen Mittelmeer operiert weiterhin das von der russischen Schwarzmeerflotte geführte Ständige Mittelmeergeschwader (MedSqn) der russischen Marine. Kampfeinheiten sind zurzeit die Fregatte „Pytliviy“ (seit 13. September) der Schwarzmeerflotte sowie immer noch auch die zwei in der Ostsee für die Schwarzmeerflotte gebauten, neuen U-Boote „Velikiy Novgorod“ und „Kolpino“ (KILO-III-Klasse), die ihre Überführungsfahrt ins Schwarze Meer für einen nun schon sieben Wochen dauernden Einsatz bei der MedSqn unterbrochen haben. Die seit Juli bei der MedSqn eingesetzte Fregatte „Admiral Essen“ der Schwarzmeerflotte ist am 21. September ins Schwarzmeer zurückgekehrt.

Die auch als „Syrian Express“ bezeichnete Lieferung von Rüstungsgütern nach Syrien und Nachschub für die dort eingesetzten russischen Truppen wird fortgesetzt, aber mit deutlich reduziertem Umfang. Während bis etwa Ende Juli wöchentlich mehrere Landungsschiffe und von der Russischen Marine speziell für die Transporte gekaufte Frachter den Bosporus passierten, werden zurzeit nur noch sporadisch Passagen erkannt.
'Yamal' im Bosporus (Foto via turkishnavy.net)
Seit gut einem Monat wird sogar nur noch das Landungsschiff „Yamal“ der Schwarzmeerflotte bei Transportfahrten gemeldet. Es war am 3. September von einer solchen Fahrt ins Schwarzmeer zurückgekehrt und passierte nach Neubeladung am 16. September erneut die türkischen Meerengen mit Kurs auf Syrien. Gründe für das reduzierte „Optempo“ sind nicht bekannt; da sich am Bedarf wenig geändert haben dürfte, mag man vielleicht Folgen einer „Kräfteüberdehnung“ vermuten.

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CHINA

Etwas mehr als ein halbes Jahr nach seiner Indienststellung hat das neue Ausbildungsschiff „Qi Jiguang“ seine erste Auslands-Ausbildungsreise angetreten.

Die insgesamt 74-tägige Reise soll das Schiff bis nach Europa führen, wo Häfen in Portugal und Italien auf dem Programm stehen. Weitere offizielle Besuche sind auf Sri Lanka und in Thailand geplant, aber das Schiff wird zu einem logistischen Zwischenstopp sicher auch in der chinesischen Auslandsbasis in Dschibuti festmachen.
'Qi Jiguang' (Foto: china-defense.com)

Mit 163 m Länge ist der Neubau größtes Ausbildungsschiff der chinesischen Marine. Sein Name erinnert an den Nationalhelden Qi Jiguang (1528 -1588), der während der Ming Dynastie Chinas Ostküsten erfolgreich gegen Angriffe japanischer (!) Piraten verteidigt hatte. An Bord findet sich Platz für 200 bis 400 Kadetten und 50 Ausbildungsoffiziere der Dalian Naval Academy, der das neue Schiff auch fest zugeteilt ist. Mehr als zehn Klassenräume eingerichtet; Netzwerk-basierte IT-Systeme ermöglichen computergestützte Ausbildung, und es gibt sogar einen Brücken-Simulator.

Neben weltweiten Ausbildungsreisen kann die „Qi Jiguang“ bei Bedarf auch kurzfristig zu Hilfeleistung nach Naturkatastrophen zum Einsatz kommen. Eine Landeplattform erlaubt Flugbetrieb mit einem größeren Hubschrauber; einen Hangar zu permanenter Einschiffung eines solchen gibt es aber nicht. Zu Ausbildung und Selbstverteidigung verfügt der Neubau über ein 76-mm Geschütz und zwei 30-mm Nahbereichs-Flugabwehrkanonen (Gatling Guns).

Die Seitennummer „83“ zeigt den Neubau in direkter Nachfolge der beiden anderen Ausbildungsschiffe der chinesischen Marine, „Zhenghe“ (81) und „Shichang“ (82). Vermutlich löst die „Qi Jiguang“ die 30 Jahre alte, kleinere (132m), vor allem aber in ihrer Ausrüstung nicht mehr heutige Technologie reflektierende „Zhenghe“ ab. Im Gegensatz zur „Zhenghe“ dürfte die seit 1997 in Dienst befindliche „Shichang“ durch den Neubau aber noch nicht obsolet werden. Das 120-m-Schiff wird mit modularer (containerisierter) Ausrüstung vor allem auch als Hospitalschiff genutzt.

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NORDKOREA (Fortschreibung)

Auch die erneute “scharfe Verurteilung” durch den US-Sicherheitsrat kann Nordkorea nicht beeindrucken.

Man werde die Entwicklung von Atomwaffen und Raketen fortsetzen, bis “Gleichgewicht zu den USA” hergestellt sei. Nachdem der UN Sicherheitsrat nach dem letzten Raketentest (15 Sep) keine neuen Sanktionen verhängte, haben die USA nun einseitig ein neues Maßnahmenpaket verkündet. U.a. ist sämtlichen bei Handel mit Nordkorea erkannten Handelsschiffen für 180 Tage das Anlaufen von US-Häfen verboten. Andere Nationen tragen solche Maßnahmen nicht mit, wollen aber die vom UN Sicherheitsrat erklärten Sanktionen konsequenter umgesetzen. So hat die chinesische Zentralbank die Banken des Landes offiziell angewiesen, alle Transaktionen mit Nordkorea zu stoppen. Weltweit werden Schifffahrtsregister auf Schiffe mit Verbindungen zu Nordkorea durchsucht. Die Fidschi-Inseln haben 20 für Nordkorea “unter falscher Flagge segelnde” Schiffe in ihrem Register gefunden – und gestrichen.

Die Suche nach einer diplomatischen Lösung gestaltet sich unverändert schwierig, und angesichts der verhärteten Fronten droht sogar weitere Eskalation. US-Präsident Trump hat vor der UN Generalversammlung Nordkorea für den Fall eines Angriffs auf die USA oder einen ihrer Verbündeten mit “völliger Vernichtung” gedroht. Nordkorea zog in seiner Antwort die Rede ins Lächerliche und kündigte “angemessene” Reaktionen an. Allgemein werden schon sehr bald neue Provokationen in Form von Raketentests (auch U-Boot-gestützte SLBM) erwartet; es gibt sogar Gerüchte über einen angeblich geplanten Test einer Wasserstoffbombe im Pazifik.

Für die USA werden militärische Optionen “praktisch unausweichlich”, wenn “Sanktionen und diplomatischer Druck der Weltgemeinschaft ohne Wirkung bleiben und die Vereinten Nationen am Ende ihrer Möglichkeiten” seien. US Verteidigungsminister Mattis ergänzte, man verfüge durchaus über geeignete Mittel, Nordkorea anzugreifen, ohne dabei Südkorea einem tödlichen Gegenangriff auszusetzen.

Anfang Oktober planen die USA und Südkorea Marinemanöver vor der koreanischen Halbinsel; möglicherweise beteiligt sich auch Japan. Die US Navy will dazu eine Carrier Strike Group verlegen.
'Ronald Reagan' (Foto: US -Navy)
Dafür kommt eigentlich nur die in Japan stationierte “Ronald Reagan” in Frage. Sie operiert seit dem 8. September zu „Schutz und Verteidigung kollektiver maritimer Sicherheitsinteressen der USA und ihrer Verbündeten in der Pazifikregion“ in See, führt zurzeit südlich von Japan in der Philippinensee Pilotenausbildung durch. Grundsätzlich steht auch die in San Diego beheimatete „Theodore Roosevelt“ Carrier Strike Group für einen ad-hoc Einsatz („Surge Deployment“) bereit, dürfte die Region aber wohl nicht bis Anfang Oktober erreichen können.

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PORTUGAL

Im nordportugiesischen Viana do Castelo ist das vierte Offshore Patrol Vessel der VIANA DO CASTELO-Klasse vom Stapel gelaufen.
'Setubal' zu Wasser (Foto: offz)

Die „Setubal“ (P-363) ist das vorerst letzte für die portugiesische Marine zu bauende Schiff dieses Typs. Ende 2005 waren im Rahmen eines Flottenerneuerungsprogramms sechs 1.600-ts Offshore Patrol Vessel NPO-2000 (Navio de Patrulha Oceanica) bei der nordportugiesischen Estaleiros Navais de Viana do Castelo (ENVC) bestellt worden. Sie sollten sämtlich bis 2014 geliefert sein; danach war als Option noch ein Anschlussauftrag über zwei weitere, für Umweltschutzaufgaben optimierte Einheiten in Aussicht gestellt.

ENVC begann auch unverzüglich mit der Arbeit, und 2011 bzw. 2012 konnte die portugiesische Marine mit „Viana do Castelo“ und „Figueira da Foz“ auch die ersten beiden Schiffe in Dienst stellen. Dann aber traf die Wirtschafts- und Finanzkrise den Verteidigungshaushalt. Unter strikten Sparauflagen wurde im Oktober 2012 der Bau von NPO-2000 eingestellt. Dass die Marineführung immer wieder die zentrale Bedeutung dieser Schiffe für die Überwachung der atlantischen Wirtschaftszonen betonte und eine effektive Auftragserfüllung in Frage stellte, spielte bei knappen Finanzen zunächst keine Rolle. Erst bei allmählich wieder regenerierender Wirtschaft - und wohl nicht zuletzt auch zum Erhalt von Arbeitsplätzen der heimischen Werftindustrie - fand die Marine bei der Regierung Gehör und konnte zumindest zwei weitere NPO-2000 bestellen.

Als erstes dieser beiden bei der zu EVNC gehörenden West Sea Shipyards gebauten Schiffe ist die „Sines“ seit Mai dieses Jahres zu Wasser; sie soll im Februar 2018, die „Setubal“ dann im Juni 2018 in Dienst gestellt werden. Beide Neubauten werden alte Korvetten ersetzen. Weitere Offshore Patrol Vessel sind zurzeit nicht geplant. Die portugiesische Marine wird sich also wohl mit vier statt der ursprünglich gewünschten sechs Schiffe begnügen müssen. Die Option für zwei für Umweltschutzaufgaben ausgerüstete Einheiten einer Designvariante scheint jedoch noch nicht vom Tisch.

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RUSSLAND

Zum ersten Mal seit 45 Jahren erhält die russische Marine wieder einen eigenen Eisbrecher.

Als letzten direkt der Marine unterstehenden Eisbrecher hatte die damals noch sowjetische Marine 1975 die „Ruslan“ der SUSANIN-Klasse in Dienst gestellt. Der Eisbrecher ist noch heute bei der Nordflotte (Archangelsk) aktiv; einige Schwesterschiffe dienen bei der russischen Küstenwache. Nach dem Zerfall der Sowjetunion musste die russische Marine ihre sehr knappen finanziellen Mittel priorisieren. Eisbrecher waren vor der Arktisküste und in den Wintermonaten im Finnbusen zwar unverzichtbar, aber man konnte auf dort eingesetzte zvile Eisbrecher wie z.B. die großen atomgetriebenen Schiffe der Rosatom zurückgreifen. Deren Dienste waren allerdings nicht umsonst, und spätestens mit Wiederinbetriebnahme oder Neueinrichtung teils abseits normaler Eisbrecher-Routen gelegener arktischer Stützpunkte erschien der Marine die Beschaffung eigener Eisbrecher-Kapazität auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sinnvoll.

Im April 2015 wurde im Rahmen von Projekt 21180 ein erster Neubau bei der Admiralitätswerft in St. Petersburg auf Kiel gelegt. Die „Ilya Muromets“ lief dort im Juni 2016 vom Stapel und hat im August dieses Jahres in der Ostsee ihre Werfterprobungen abgeschlossen. Nach letzten Restarbeiten und nachfolgender staatlicher Abnahme soll der Neubau noch in diesem Jahr bei der Nordflotte in Dienst gestellt werden. Sie soll dann Kampfeinheiten im Einsatz auf dem Nördlichen Seeweg begleiten und wo notwendig unterstützen (bei Bedarf auch als Schlepper), militärische Stützpunkte versorgen und vor den Stützpunkten Eisbrecherdienste leisten.
'Ilya Muromets' (Foto: russischer Blog)

Die „Ilya Muromets“ verdrängt etwa 6.000ts (84m x 20m), ist also deutlich kleiner als die teils 25.000ts verdrängenden, zivilen Atom-Eisbrecher. Sie verfügt über einen diesel-elektrischen Hybridantrieb, der mit PODs (Schrauben in um 360 Grad drehbaren, geschützten Gondeln) meter-genaues Manövrieren und Positionieren erlaubt. Sie soll bis zu 1,5m dickes Eis bewältigen können. Ihre operative Reichweite wird bei 60 Tagen Seeausdauer mit bis zu 12.000 Seemeilen angegeben.

Ob die „Ilya Muromets“ Typschiff einer neuen Klasse von Marine-Eisbrechern wird oder Einzelschiff bleibt, ist zurzeit unklar. Im letzten Jahr sprach der für Rüstung zuständige Admiral noch von einer „Serie von Schiffen“, nur wenig später war dann aber nur noch von einem einzigen Schwesterschiff die Rede. Erst vor wenigen Wochen hieß es schließlich, in der Marine gebe es keine Pläne zur Bestellung weiterer Eisbrecher. Möglicherweise hat in einer Ressort-übergreifenden Kosten-Nutzen-Analyse der begonnene Bau einer ganzen Serie neuer ziviler Eisbrecher einen Marine-eigenen Bedarf doch wieder in Frage gestellt. Einige Beobachter gehen allerdings davon aus, dass die Bestellung eines Schwesterschiffes noch nicht vom Tisch ist, aber von der Bewährung der „Ilya Muromets“ im praktischen Einsatz des kommenden Winters abhängig gemacht wird.

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RUSSLAND (WEISSRUSSLAND)

Die bilaterale russisch-weißrussische Übung „Zapad 2017“ wurde planmäßig am 21. September beendet; alle beteiligten Einheiten sollen in ihre Standorte zurückgekehrt sein.

Ausrichter der strategischen Übung aller Teilstreitkräfte beider Länder war der russische Militärbezirk (MB) West, der als „Vereinigtes Strategisches Kommando“ (VSK) für die Region vom Kaliningrad Oblast bis zur Barentssee zuständig ist. Zum MB West gehört die Baltische Flotte, auch offiziell Übungsteilnehmer. Das Übungsgeschehen konzentrierte sich auf mehrere Truppenübungsplätze an Land, aber der Marine kamen an der seeseitigen Flanke im Kaliningrad Oblast ergänzende Funktionen zu.

Für die Baltische Flotte begann „Zapad 2017“ mit einer Alarmierungsübung. Am frühen Morgen des 15. September liefen etwa 20 Einheiten aus ihren Stützpunkten aus und formierten sich in vorab festgelegten Auflockerungsgebieten zu taktischen Gruppen. Vor Baltiysk wurden sie dabei durch Minenabwehreinheiten gesichert. Im Rahmen einer 1. Seephase (15./16. September) wurden dann mehrere zuvor detailliert vorgeplante Teilübungen (Serials) zu einzelnen Aspekten von Seekriegsführung nacheinander „abgearbeitet“. U.a. simulierten vier Korvetten der STEREGUSHCHIY-Klasse am 16. September die Vernichtung eines feindlichen Überwasserverbandes und feindlicher Küstenartillerie. In Flugabwehrübungen wurden Angriffe von Kampfflugzeugen (Su-24 Fencer) und Hubschraubern „zurückgeschlagen“.

In der 2. Seephase (17.-19. September) war die Baltische Flotte dann an der seeseitigen Flanke in ein übergreifendes strategisches Land-Szenario eingebunden. U-Jagdeinheiten und Hubschrauber „vernichteten“ in der östlichen Ostsee zwei gegnerische U-Boote. Kampfschiffe und Küsten-FK-Stellungen bekämpften gemeinsam einen vordringenden gegnerischen Überwasserverband, und in einer amphibischen Operation wurden in „taktischer Schwerpunktverlagerung“ Kommandotruppen der Marineinfanterie an der ungedeckten Flanke des Gegners angelandet. Korvetten der STEREGUSHCHIY-Klasse und Küsten-FK-Batterien führten FK-Schießen gegen Überwasserziele durch.
Special Forces stürmen den Strand (Foto: MoD Russia)

Im Vorfeld der Übung hatte Russland erklärt „Zapad 2017“ solle am Ende eines längeren Ausbildungsprozesses lediglich den Stand der Interoperabilität russischer und weißrussischer Streitkräfte überprüfen und richte sich rein defensiv gegen kein anderes Land. Hintergrund sei ein fiktives Anti-Terror-Szenario, bei dem extremistische Gruppen zur Verübung von Anschlägen nach Russland und Weißrussland eingedrungen seien und nun Unterstützung/Nachschub über Land, aus der Luft und auch von See her erhielten. Ein fast identisches Szenario war auch schon Basis für „Zapad 2013“ gewesen.

Im Verlauf der Übung stellte sich dies dann allerdings etwas anders dar. Während das Verteidigungsministerium in seinen Pressemeldungen noch am bloßen Anti-Terror-Szenario festhielt, sprachen Kommandeure nun von der simulierten „Abwehr eines Angriffes (von Streitkräften) auf Russland und Weißrussland“. In der 2. Übungsphase sei man „zum Gegenangriff übergegangen“. Luftschläge sowie koordinierter Beschuss mit Flugkörpern und Artillerie hätten schwere Schäden an „Führungs-Gefechtsständen und Reserven des konventionellen Gegners“ verursacht. Eine bloße Anti-Terrorübung sieht sicher anders aus.

Der Zuständigkeitsbereich des MB West schließt die Kola-Halbinsel und damit die Küste(ngewässer) der Barentssee ein, aber die Nordflotte ist nicht dem MB West unterstellt, sondern gehört - mit Blick auf die strategische Bedeutung der Arktis - zum VSK Nord. Die Nordflotte nahm denn offiziell auch nicht an „Zapad 2017“ teil, aber sie führte zeitgleich eine eigene Übung durch. Wie in Russland (und schon in der früheren Sowjetunion) durchaus üblich, dürfte diese Übung auf übergeordneter, nationaler strategischer Ebene (russischer Generalstab) durchaus mit „Zapad 2017“ gekoppelt sein.

Küsten-FK-Schießen in der Arktis (Foto: MoD Russia)Angeführt vom Flottenflaggschiff FK-Kreuzer „Petr Velikiy“ waren etwa 20 Kampf- und Hilfsschiffe sowie bis zu zehn U-Boote in der Barentssee in ein “Area Denial“ Szenario eingebunden, das einem Gegner das Vordringen an die russische Küste (an die Nordflanke des MB West) verwehren sollte. In FK-Abwehr-Übungen wurden Luft- und Marschflugkörperangriffe zurückgeschlagen, Küsten- truppen mit amphibischen Operationen und Artillerie (Zielzuweisung durch Drohnen) unterstützt und  in einem kombinierten FK-Schießen des Kreuzers und zweier U-Boote der OSCAR-II-Klasse ein feindlicher Überwasserkampfverband über eine Entfernung von bis zu 400km „vernichtet“.

Auch bei einer von einem Nordflottenverband am 18. September bei den Neusibirischen Inseln in der Arktis durchgeführten Küstenverteidigungsübung mit Schießen von Küsten-FK sowie zwei in Plesetsk (südlich Arkchangelsk) durchgeführten Testschüssen von zwei Interkontinentalraketen kann man einen Zusammenhang mit „Zapad 2017“ vermuten – wie gesagt, allerdings nicht als Teil der bilateralen Übung mit Weißrussland, sondern im Rahmen eines rein nationalen, strategischen Szenarios.

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VIETNAM

Die dritte in Russland für die vietnamesische Marine gebaute Fregatte der GEPARD-Klasse ist auf dem Weg in die künftige Heimat.

Am 16. September passierte sie an Bord des dafür gecharterten niederländischen Spezialtransporters „Rolldock Star“ die türkischen Meerengen.
'Rolldock Star' mit Fregatte im Bosporus (Foto via turkishnavy.net)

Zuvor hatte das an der Wolga im binnenländischen Zelenodolsk (Kazan) gebaute Schiff im Schwarzen Meer abgestützt auf Novorossiysk seine Erprobungen und Abnahmefahrten absolviert. Eine vierte Fregatte der GEPARD-Klasse ist fast fertig und soll wohl ebenfalls noch in diesem Jahr nach Vietnam überführt werden.

Zunächst hatte Vietnam 2005 zwei dieser 2.100ts verdrängenden (102m) Schiffe einer Variante der bei der Kaspisee-Flotille der russischen Marine in Dienst befindlichen GEPARD-Klasse bei der russischen Zelenodolsk-Werft bestellt. Sie wurden 2011 in Dienst gestellt. Nach offenbar guten Erfahrungen im praktischen Betrieb erhielt die russische Werft im August 2013 einen Anschlussauftrag für zwei weitere Schiffe. Während die ersten beiden GEPARD als Mehrzweckschiffe ausgelegt sind, wurde das zweite Los für U-Jagdaufgaben optimiert. Neben verbesserten Sensoren und erweiterter U-Jagdbewaffnung sollen die beiden Fregatten u.a. auch eine „fortschrittliche“ Antriebsanlage erhalten haben, die z.B. „Sprints“ in der Verfolgung von U-Booten ermöglicht. Ihre Bestellung zeigt den vermehrten Fokus der vietnamesischen Marine auf Unterwasser-Seekriegführung, sicher auch mit Blick auf China (Territorialstreit im Südchinesischen Meer; Ausbau der U-Bootbasis auf Hainan) und U-Bootbeschaffungen der Nachbarmarinen.

Schon Anfang 2014 meldeten Medien den „fest beschlossenen“ Bau weiterer zwei GEPARD in Zelenodolsk. Ganz offensichtlich waren diese Berichte aber deutlich verfrüht, denn offizielle Bestätigungen für eine Bestellung blieben aus, ja Ende 2015 war immer noch von „Verhandlungen“ die Rede. Seitdem - seit nunmehr fast zwei Jahren - gibt es keine neuen Meldungen zum Stand der Dinge.

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