DAUERBRENNER

HEFT 09-2015

MARINE BIETET DER POLITIK BREITES SPEKTRUM

INTERVIEW MIT DEM STELLVERTRETER INSPEKTEUR DER MARINE, BEFEHLSHABER DER FLOTTE UND UNTERSTÜTZUNGSKRÄFTE, VIZEADMIRAL RAINER BRINKMANN.

(Die Fragen stellte Flottillenadmiral a.D. Jürgen E. Kratzmann, Chefredakteur MarineForum)


Seit Ende Oktober letzten Jahres sind Sie Stellvertreter des Inspekteurs der Marine hier im Marinekommando, Herr Brinkmann. Könnten Sie kurz etwas über den Schwerpunkt Ihrer Aufgaben sagen? Ich stelle diese Frage vor dem Hintergrund, dass im Verständnis vieler Marineangehöriger Ihr Aufgabenbereich in weiten Teilen dem des ehemaligen Befehlshabers der Flotte zuzuordnen ist. Ist das so?

Einerseits stimmt das, andererseits auch wieder nicht so ganz. Lassen Sie mich zunächst zur Aufgabenteilung zwischen Inspekteur und seinem Stellvertreter sagen, dass sich der Inspekteur vornehmlich um das „äußere Gefecht“ kümmert, d.h., er vertritt die Marine sowohl im internationalen Bereich als auch gegenüber der Leitung, der Politik und der Öffentlichkeit.

Darüber hinaus legt er die Eckpfeiler für Ausrichtung, Entwicklung und Betrieb der Marine fest. Als sein Stellvertreter obliegt es mir, das „innere Gefecht“ zu führen. Das wiederum bedeutet, dass ich mich im Schwerpunkt um Flotte und Unterstützungsbereich kümmere. Und genau an dieser Stelle wird auch der Unterschied zum Aufgabenbereich früherer Befehlshaber deutlich. Mein Verantwortungsbereich integriert sowohl Aufgaben des früheren Befehlshabers als auch Aufgaben des früheren Amtschefs des Marineamtes, denn der unterstützende Bereich, zu dem auch die Schulen und das Marineunterstützungskommando zählen, ist – wie die Flotte – ebenfalls dem Stellvertreter zugeordnet.

Um dieses Aufgabengebiet und die damit verbundene Rolle und Verantwortung nach innen und außen deutlich zu machen, wurde in Anlehnung an die Traditionslinien unserer Marine die Bezeichnung „Stellvertreter des Inspekteurs der Marine“ um die Bezeichnung „Befehlshaber der Flotte und Unterstützungskräfte“ zum 01. Mai 2015 erweitert. Damit wird nicht nur transparenter, wofür ich verantwortlich bin. Ich habe bereits in den ersten Wochen feststellen können, dass diese Ergänzung in der Kommunikation und der Beziehungspflege zu meinen Amtskollegen in anderen Marinen durchaus hilfreich ist.

Die Zusammenführung vieler Zuständigkeiten im Marinekommando hier in Rostock ist ja Teil der Neuausrichtung der Bundeswehr, die noch nicht abgeschlossen ist. Könnten Sie etwas zum jetzigen Sachstand sagen und wo treten noch die größten Probleme auf?

Es war und ist das Ziel der Neuausrichtung der Bundeswehr, die Strukturen vor allem auf die Einsatzerfordernisse auszurichten. Auch wenn unsere Marine schon vor Jahren mit den Einsatzflottillen eine sehr einsatzorientierte und flache Struktur eingenommen hatte, ist es uns gelungen, die Einsatzorientierung noch weiter zu optimieren. Die weitere Stärkung der Einsatzstrukturen dokumentiert sich unter anderem darin, dass trotz einer grundsätzlichen Personalreduzierung der Marine unsere Einsatzverbände einen personellen Aufwuchs erfahren haben. Diese robusteren Strukturen bedeuten wiederum ein höheres Maß an Flexibilität und Durchhaltefähigkeit. Die Maßnahmen der strukturellen und organisatorischen Neuausrichtung sind inzwischen weitgehend abgeschlossen.

Was noch aussteht, ist die endgültige Zusammenführung der noch in Glücksburg beheimateten Teile des Kommandos und der Aufbau der Führungskomponente in Rostock sowie die Verlegung des Schifffahrtsmedizinischem Instituts SchiffMedInst nach Hamburg. In Rostock wird absehbar die notwendige Infrastruktur zum Aufbau des neu zu konfigurierenden „Maritime Operations Center“ geschaffen.

Im Ergebnis stelle ich hinsichtlich der Konzentration aller Kompetenzen im Marinekommando in Rostock fest, dass spürbar Synergien mobilisiert werden konnten. Die im wahrsten Sinn des Wortes „kurzen Wege“ in der Hansekaserne tragen zu mehr Effizienz bei. Jedenfalls hat die Neuausrichtung die Einsatzbereitschaft unserer Marine nachhaltig gestärkt.

Die Einsatzbelastungen für die Besatzungen der Boote und Schiffe der Deutschen Marine bewegen sich bereits seit vielen Jahren auf einem recht hohen Niveau. Könnten Sie darauf etwas ausführlicher eingehen und auch erläutern, wie die Marine diese Belastung in Zukunft mildern will? Ich nenne hier das Stichwort Mehrbesatzungskonzept.

Unsere nationalen und internationalen Verpflichtungen sind konstant hoch und werden das auch in Zukunft bleiben. Denken Sie nur an die von uns zusätzlich wahrzunehmende Aufgabe der Seenotrettung im Mittelmeer. Zusätzlich zu den übrigen Verpflichtungen. Gleichzeitig haben wir weniger Einheiten zur Verfügung als noch vor einigen Jahren. Wir schultern also mit einem kleineren Fuhrpark ein höheres Pensum an Aufgaben. Das ist anspruchsvoll und verlangt vor allem unserem Personal, aber auch unserem Material enorm viel ab. Gerade wenn ich an das Personal der Mangelverwendungsbereiche denke, das immer wieder gefordert ist, personelle Lücken zu stopfen, ist die Belastung grenzwertig und manchmal auch nicht mehr zumutbar. Da besonders mit Blick auf die Mangelbereiche trotz vielfältiger Anstrengungen keine schnelle Abhilfe in Sicht ist, sind wir darum bemüht, die Last auf breite Schultern zu legen. Mittelfristig zeichnet sich allerdings Licht am Ende des Tunnels ab, jedenfalls sind unsere Schulen und Ausbildungseinrichtungen voll.

Was die längerfristige Zukunft angeht, bin ich noch viel optimistischer: Mit dem „Design“ der Fregatte KL 125 geben wir die innovative Antwort auf finanzielle, personelle und materielle Ressourcenknappheit. Vor allem geben wir mit dem Konzept aber auch eine Antwort, um das Arbeitsumfeld unserer Marine attraktiver zu machen. Die Fregatte 125 wird mit einer Minimalbesatzung betrieben werden, was eine Antwort auf die demografische Entwicklung und die Personalknappheit ist. Die F125 wird dann die erste Plattform der Marine sein, die baulich auf eine Intensivnutzung ausgelegt ist. Das bedeutet, dass das Schiff bis zu zwei Jahre im Einsatzgebiet ohne größere Materialerhaltungsmaßnahmen verbleiben kann. Mit weniger Einheiten schaffen wir somit ein Mehr an operativer Verfügbarkeit.

Damit einher geht dann zwangsläufig ein Mehrbesatzungskonzept. Dieses Konzept erlaubt es, die Besatzungen nach einem ca. viermonatigen Einsatz auszutauschen. Damit werden die seefahrtbedingten Abwesenheiten für die Familien besser planbar. Für die vier Schiffe werden wir acht Besatzungen vorhalten. Dieses Konzept wird die Balance zwischen dem Dienst auf See und planbarer Freizeit deutlich verbessern.

Internationale Kooperation gehört ebenfalls zu Ihrem Verantwortungsbereich. Hier hat es ja immer wieder Vorstöße auch vonseiten der Politik gegeben. Wo liegen die Schwerpunkte dort momentan und welche Zukunftsperspektiven sehen Sie in diesem Bereich?

Betrachtet man die geostrategischen Entwicklungen, die Globalisierung und auch die Ausprägung neuer politischer und wirtschaftlicher Kraftzentren, dann hat man bezüglich der Situation in Europa den Eindruck, dass der „alte“ Kontinent Europa tatsächlich in alter Zeit stehen geblieben ist und keine rechte Antwort findet, der Zukunft zu begegnen: „Kleinstaaterei“, und Partikularinteressen einzelner EU-Staaten sind en vogue. Ich selbst bin überzeugt davon, dass Europa nur dann seine Stellung in der Welt wird behaupten können, wenn die Idee eines integrierten Europas auch wirklich gelebt wird. Dazu braucht es neue Impulse.

Unsere Marine ist durchaus ein „Frontrunner“, wenn es um internationale Zusammenarbeit und Integration geht. Wir sind in vielfältigen bi- und multinationalen Operationen, Projekten und Strukturen engagiert. Wir nehmen an multinationalen Einsätzen und Verbänden teil, wir unterstützen uns gegenseitig in vielerlei Hinsicht mit der Integration von Fähigkeiten in gemeinsame Verbände, auf Schiffen und Booten sowie fliegenden Waffensystemen. Wir tauschen Personal mit anderen Marinen aus, wir qualifizieren und zertifizieren Schiffe und Boote beim Flag Officer Sea Training (FOST) in Großbritannien bzw. beim Mine Countermeasure Vessels Operational Seatraining (MOST) in Belgien. Diese Liste ließe sich fast beliebig verlängern.

Nicht vergessen dürfen wir, dass die Einsatzgrundsätze und -verfahren unserer Marinen ohnehin schon konsequent auf Interoperabilität und Kompatibilität im multinationalen Verbund der NATO und der EU ausgelegt sind. Internationale Zusammenarbeit ist sozusagen Teil der DNA unserer Marine. Wir selbst haben als Deutsche Marine derzeit ein besonderes Augenmerk auf drei Initiativen.

Zum einen untersuchen wir, in welcher Form wir Komponenten unseres Seebataillons mit komplementären Fähigkeiten der niederländischen Marine verschmelzen können. Diese Initiative konkretisiert unter anderem die Idee, die See als Basis für gemeinsame militärische Operationen zu verstehen.

Einer weitere Initiative im Rahmen der internationalen Kooperation ist die Baltic Commanders Conference, die wir Ende Mai erstmalig ausgerichtet haben. In Rostock trafen wir uns auf Ebene der Flottenchefs der Anrainerstaaten der Ostsee mit Ausnahme Russlands, um ganz pragmatische Ansätze zu finden, wie wir uns wechselseitig im Ostseeraum noch besser unterstützen und integrieren können. Handlungsfelder, die wir in Angriff nehmen wollen, betreffen bspw. die Synchronisation der Einsatzausbildung, einen intensiveren Informationsaustausch, die gemeinsame taktische Aus- und Weiterbildung des Führungspersonals und auch das „Orchestrieren“ von Beiträgen für bestimmte Vorhaben und Einsätze.

Und schließlich wollen wir das künftige „Maritime Operation Center“ in Rostock so ausgestalten, dass dieses Führungszentrum nicht nur der Führung der Flotte dient, sondern auch als Drehscheibe und Plattform zur Koordinierung der Aktivitäten im Ostseeraum genutzt werden kann.

Die Kooperation mit der Royal Netherlands Navy (RNLN) und der holländischen Marineschiffbauindustrie mit der Bundes-, bzw. Deutschen Marine hat ja eine sehr lange Tradition, Herr Brinkmann. In den Medien – auch im Marine- Forum – tauchen auch immer wieder Ideen einer direkteren Zusammenarbeit mit der RNLN auf. Gibt es hier Vorstellungen, dieses Feld intensiver zu bearbeiten und was antworten Sie Kritikern, die darauf verweisen, dass internationale Projekte teurer sind als nationale und auch deutlich mehr Zeit benötigen?

Wie ich bereits angesprochen habe, liegt ein Schwerpunkt unserer Arbeit darin, die Zusammenarbeit mit unseren niederländischen Partnern weiter zu intensivieren. Wir setzen damit die traditionell enge Zusammenarbeit weiter fort.

Ausdruck dieser engen Zusammenarbeit ist beispielsweise die wechselseitige Hilfe, falls einem Partner bestimmte Fähigkeiten für ein Vorhaben fehlen. In diesem Jahr war ein niederländisches Boarding Team auf der Fregatte BAYERN während der Operation Atalanta eingeschifft. Tender DONAU wiederum fungierte als Führungsplattform eines niederländischen Stabes in der Standing NATO Mine Countermeasures Group 1 (SNMCMG1). So helfen wir uns also gegenseitig ganz konkret, und das sehr unkompliziert.

Unsere Absicht, Komponenten des Seebataillons mit Fähigkeiten der niederländischen Marine zu verschmelzen, hatte ich angesprochen. Diese Kooperation kann und soll ggf. in einer Unterstellung unserer Kräfte unter ein niederländisches Kommando münden und zur Aufstellung eines gemeinsamen Stabes führen.

Weitere Kooperationsmöglichkeiten zeichnen sich auch bei der Beschaffung und dem Betrieb von U-Booten und Überwassereinheiten und bei der Ausformung eines Beitrages im Rahmen der Ballistic Missile Defence ab. Dabei kommt uns zugute, dass unsere Marinen weitgehend gleiche Sensoren und Systeme in Gebrauch haben.

Im Zusammenhang mit Kooperationsprojekten sind mir zwei Dinge wichtig. Erstens dürfen bi- und multinationale Kooperationen nicht nur Etikette und politisches Feigenblatt sein, sondern sollten einen wirklichen „Mehrwert“ für die Streitkräfte bedeuten. Und zweitens, Politik wird nicht zuletzt auch durch Kooperation auf militärischem Gebiet gestaltet. Ausbildungsunterstützung oder Ausbildungshilfe sind probate Instrumente, partnerschaftliche Beziehungen zu beidseitigem Nutzen aufzubauen und auszuformen. In der Praxis treten allerdings immer wieder ad hoc Probleme politischer, steuerlicher, finanzieller und rechtlicher Art auf, die die Notwendigkeit eines tragfähigen Regelwerkes begründen, um vielversprechende Vorhaben auch wirklich pragmatisch ausformen zu können. Hier besteht Handlungsbedarf.

Die sicherheitspolitische Lage hat sich in den letzten Monaten z.T. – leider – doch eher zum Negativen geändert. Haben diese Entwicklungen bereits jetzt erkennbare Auswirkungen auf unsere Marine?

In der Tat haben diese Entwicklungen die NATO auf den Plan gerufen und in verschiedener Hinsicht Aktivitäten bedingt.

So beteiligen wir uns mit unserer Marine auch an den „Reassurance Maßnahmen der NATO“. Mit verstärkten Überwachungsflügen im Ostseeraum und einer intensiveren Aufklärung bringen wir sichtbar unsere Solidarität mit unseren baltischen Partnern zum Ausdruck.

Darüber hinaus sind wir intensiv eingebunden in die Überlegungen, wie der Aktionsplan der NATO und die Maßnahmen zur Verbesserung der Reaktionsfähigkeit umgesetzt werden können. Im maritimen Bereich scheinen die Herausforderungen dabei weniger anspruchsvoll zu sein als im Bereich der Landstreitkräfte. Die Ständigen Einsatzverbände der NATO könnten den maritimen Nukleus der Very High Readiness Joint Task Forces vergleichsweise schnell bilden. Diese Kräfte sind in einem sehr hohen Bereitschaftsgrad und jederzeit abrufbar. Da Einheiten unserer Marine aber ohnehin einen vergleichsweise hohen Bereitschaftsgrad haben und schnell auf Eventualitäten vorbereitet werden können, stehen regelmäßig auch Kräfte zur weiteren Verstärkung bereit.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Einsatzausbildungsverband der Flotte (EAV), den wir ja jedes Jahr für einen Zeitraum von vier bis sechs Monaten aufstellen. Den Kern des Verbandes bilden Fregatten und Versorger. Bei Bedarf und Verfügbarkeit werden zusätzliche Einheiten assigniert. Der EAV ist die operative Reserve unserer Marine und gleichzeitig der Ausbildungsverband für unsere Offiziersanwärter. Eine hohe Einsatzfähigkeit zu gewährleisten, ist eine Hauptaufgabe des Verbandes. Das ist auch der Grund, warum der EAV, wann und wo immer möglich, an internationalen Übungen und Manövern teilnimmt.

Das hat im Übrigen den Vorteil, dass unser Offiziersnachwuchs von Beginn an einsatzorientiert ausgebildet wird. Ein Blick auf den diesjährigen EAV macht deutlich, wie wir ihn einsetzen. Der EAV hat im Sinne maritimer Diplomatie mannigfache Häfen besucht, er hat an diversen Übungen und Manövern mit Partnermarinen teilgenommen, er hat seine Einsatzfähigkeit im Rahmen eines Flugkörperschießens vor Südafrika unter Beweis gestellt, er war in die Operation Atalanta am Horn von Afrika zum Schutz der Schifffahrt eingesetzt und er hat schließlich verzugslos die Seenotrettung im Mittelmeer aufgenommen. Mit dem EAV steht unserer politischen Führung ein sehr wirkungsvolles maritimes Instrument zur Verfügung.

Der letzte Inspekteur der Marine, Vizeadmiral a.D. Axel Schimpf, hat sich in einem Beitrag im MarineForum grundsätzlich positiv – natürlich nach Vorliegen der entsprechenden politischen Entscheidungen – zum Thema Ballistic Missile Defence (BMD) für die Deutsche Marine geäußert. Nicht zuletzt durch die Veränderungen der sicherheitspolitischen Landschaft gerät das Thema BMD wieder mehr in den Fokus. Könnten Sie etwas zum derzeitigen Sachstand auf diesem Gebiet sagen?

Unsere Marine hat zwischenzeitlich die diesbezügliche Kooperation mit den Niederlanden und Dänemark ausgebaut. So wird künftig auch Dänemark an einer bislang rein deutsch-niederländischen Studie zur Sensorintegration mitarbeiten. Es geht unter anderem darum, marktverfügbare Optionen für ein Radar zu analysieren, mit dem es möglich ist, ballistische Flugkörper auf ihren Flugbahnen auch im Weltraum zu entdecken und zu verfolgen. Eine solche Sensorbefähigung ist Teil der Mittelfristplanung der Bundeswehr. Darüber hinaus arbeitet unsere Marine in verschiedenen Foren eng mit dem US-amerikanischen Partner zusammen, wo Fähigkeiten zur Abwehr ballistischer Flugkörper bereits vorhanden sind.

Die EU-Arbeitszeitrichtlinien wurden kürzlich für Soldatinnen und Soldaten im Bundeswehr-Attraktivitätssteigerungsgesetz umgesetzt. Dort wurde das BMVg mit einem neu eingeführten Paragrafen im Soldatengesetz ermächtigt, eine „Verordnung über die Arbeitszeit der Soldatinnen und Soldaten zu erlassen. Welche Auswirkungen sehen Sie für den Bereich unserer Marine, wenn das Attraktivitätssteigerungsgesetz im Frühjahr 2016 in Kraft treten wird?

Das Gesetz zur Steigerung der Attraktivität des Dienstes in der Bundeswehr (BwAttraktStG) ist neben der Agenda „Attraktivität“ das zweite Standbein der Attraktivitätsoffensive der Bundeswehr. Im Wettbewerb um die besten Talente am Arbeitsmarkt – und darum geht es – wird die Bundeswehr nur bestehen können, wenn sie als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen wird. Im Fokus der Maßnahmen stehen sowohl diejenigen, die wir für den Dienst in der Bundeswehr noch gewinnen wollen, als auch diejenigen, die bereits in der Bundeswehr Dienst leisten. Ungeachtet der vielen sonstigen Verbesserungen, angefangen von Personalbindungszuschlägen über die Erhöhung von Erschwerniszulagen und Wehrsoldtagessätzen bis hin zu Verbesserungen der gesetzlichen Rentenversicherung für Zeitsoldaten ist die Einführung der Arbeitszeitrichtlinie für Soldaten von herausragender Bedeutung.

Diese Verordnung wird eine Zäsur für den soldatischen Dienst sein, da es künftig verbindliche Vorgaben zu zulässigen Dienstzeiten und vorgeschrieben Ruhephasen geben wird. Damit hat die Bundesministerin der Verteidigung klargestellt, dass diejenigen, die im Einsatz oftmals unter extremen Belastungen und unter Gefahr für Leben und Gesundheit ihren Dienst versehen, im Grundbetrieb nicht schlechter gestellt werden als alle anderen Arbeitnehmer außerhalb der Bundeswehr. Ich begrüße nachdrücklich die Einführung der „Arbeitszeitverordnung für Soldaten“ (AZVS)! Und wenn wir erst einmal in einem eingeschwungenen Zustand sind und gelernt haben, mit der AZVS umzugehen, wird jeder realisieren, welche Attraktivitätssteigerung sich mit der Arbeitszeitverordnung verbindet.

Für uns alle drängt die Zeit. Die Arbeitszeitverordnung ist ohne weitere Übergangsregelungen zum Jahresbeginn umzusetzen. Bei der Seefahrt wird sich nicht viel ändern; der Marine ist gelungen, Nichtanwendungstatbestände im Gesetz zu verankern, die den Eigentümlichkeiten der Seefahrt weitgehend Rechnung tragen. Neu ist, dass ein verlässlicher Zeitausgleich nach Abwesenheiten, die durch Seefahrt bedingt sind, gewährt wird.

Der größte Verbraucher von Arbeitszeit ist für unsere Besatzungen jedoch der Wachdienst im Heimathafen im Grundbetrieb. Um ausreichend Arbeitszeit für einsatz- und ausbildungsbezogenen Dienst zu haben, muss es das Ziel sein, diesen Wachdienst so weit wie möglich zu reduzieren. Das wollen wir erreichen, indem wir die Schiffstechnik der Schiffe und Boote mit Hilfe von modernen Überwachungssystemen kontrollieren und den Anteil der militärischen Wache anders organisieren. Voraussetzung dafür ist aber, dass kein Personal nach Dienst an Bord verbleibt. Dieses werden wir nicht zum 1. Januar 2016 schaffen. Wir werden uns aber diesem Ziel so schnell wie möglich nähern.

Wie angesprochen, muss der Wachdienst entsprechend deutlich reduziert werden. In einigen Bereichen haben wir schon Fortschritte erzielt. Was uns besonders fordert, ist aber die Situation in Wilhelmshaven. Die schiffstechnischen Systeme der Einheiten lassen eine hinreichende Fernüberwachung noch nicht zu. Zusätzlich wohnen hier viele Soldatinnen und Soldaten an Bord, sodass die Unterbringung an Land geprüft und realisiert werden muss.

Die Möglichkeiten, nicht unterkunftspflichtige Soldaten im Rahmen freier Kapazitäten unterzubringen, werden sehr deutlich beschränkt sein. Das wird für die Übergangszeit Härten und Einschränkungen mit sich bringen. Dessen sind wir uns sehr bewusst. Wir arbeiten mit Hochdruck an Lösungen, um den Vorgaben der AZVS zum 1. Januar 2016 gerecht zu werden. Wir wissen auch, dass die Rahmenbedingungen vor Ort jeweils sehr unterschiedlich sind. Eine Musterlösung für alle Gegebenheiten werden wir aus Rostock daher auch nicht anbieten können. Aus diesem Grund sind alle Kommandeure und Dienststellenleiter gefordert, die Herausforderung anzunehmen und dazu beizutragen, Lösungen zu finden.

Wir dürfen dabei nicht vergessen, jeden einzelnen unserer Soldaten im Blick zu behalten. Das werden wir tun. Das sind wir unseren Soldaten auch schuldig. Um es aber noch einmal ganz deutlich zu sagen: ich bin mir sicher, dass das Gesetz zur Steigerung der Attraktivität des Dienstes in der Bundeswehr auch den Dienst in unserer Marine für uns alle verbessern wird, und daher freue ich mich darauf, diesen neuen Weg mit allen Angehörigen der Marine gemeinsam gestalten zu können.

Abschließend eine Frage zur längerfristigen Zukunft unserer Marine, die natürlich ganz wesentlich davon bestimmt wird, mit welchen Einheiten der gestellte Auftrag erfüllt werden soll. Könnten Sie kurz etwas zum Planungsstand des nächsten Schiffsprojekts, dem Mehrzweckkampfschiff (MKS) Klasse 180, sagen?

Die Analysephase für das Mehrzweckkampfschiff Klasse 180 konnte im November letzten Jahres durch die Erarbeitung von drei Lösungsvorschlägen durch das Integrierte Projektteam abgeschlossen werden. Inzwischen ist die Auswahlentscheidung getroffen worden, wobei derjenige Lösungsvorschlag ausgewählt wurde, der den Forderungen der Marine am umfänglichsten Rechnung trägt. Insofern freuen wir uns auch über die Auswahlentscheidung!

Der nächste Schritt wird das Interessenbekundungsverfahren sein, in dem potenzielle Auftragnehmer und Konsortien ihr Interesse anzeigen. Ziel ist dann, nach Auswertung der Angebote in 2017 zu einem Vertragsabschluss zu kommen. Der Zulauf dieser Schiffe ist ab 2023 geplant. Es sollen vier Schiffe beschafft werden, wobei ausdrücklich die Option auf zwei weitere Schiffe aufrechterhalten werden soll. Das ist natürlich abhängig von verfügbaren Haushaltsmitteln.

Mit dem MKS 180 erhält die Marine dann einen Fähigkeitsträger, der sich auch in hochintensiven Seekriegsszenaren behaupten kann. Die Designidee knüpft an die Innovationen der F125 an. Intensivnutzung, Minimalbesatzung und Mehrbesatzungskonzept werden auch auf dem MKS 180 umgesetzt. Darüber hinaus werden, dort wo möglich, modulare Erweiterungen vorgesehen.

Alles in allem also eine Plattform, die die Marine dringend benötigt. Es ist aber auch eine Plattform, mit der die Deutsche Marine der Politik dann ein noch breiteres Spektrum an Möglichkeiten bieten kann.

Copyright (C) 2013 MarineForum   |   marineforum@mov-moh.de   |   Impressum   |   Redaktion: Ulrich-von-Hassell-Str. 2, 53123 Bonn

Deutsche Marine

Deutsches maritimes Kompetenz Netz