Ergänzungsbeschaffung K130

Verfügbarkeit erhöhen – Fähigkeiten verbessern

Markus Grübel
(Markus Grübel ist Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin der Verteidigung)

parl. Staatssekr. Markus Grübel als Reservedienst-leistender Korvettenkapitän (Foto: Büro Grübel)
Das Weißbuch 2016 als das Grundlagendokument für die sicherheitspolitische Lage der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Verbündeten beschreibt die Aufgaben der Bundeswehr und deren Wahrnehmung mit dem vorhandenen Kräftedispositiv, dem „Single Set of Forces“. Es bestätigt die Refokussierung auf die Landes- und Bündnisverteidigung und betont gleichzeitig, dass die Aufgaben zum Internationalen Krisenmanagement wahrscheinlich bleiben.

Um den damit verbundenen Herausforderungen gerecht zu werden, wurden für die Bundeswehr Trendwenden in den Bereichen „Personal“, „Material“ und „Finanzen“ angestoßen. Im Rahmen der Trendwende Material wurde eine aufgabenorientierte und strukturbezogene Erweiterung der Ausstattung der Bundeswehr bis zum Ende der nächsten Dekade festgelegt. In diesem Kontext stellte sich die Frage, ob zusätzliche Fähigkeiten für eine umfassende Befähigung zur Landes- und Bündnisverteidigung erforderlich sind.

Die Anzahl der gleichzeitig durchzuführenden Operationen, bei denen die maritimen Fähigkeiten der Bundeswehr zum Einsatz kommen, hat sich in den vergangenen Jahren beständig erhöht. Daher sind eine hohe Bereitschaft und Verfügbarkeit der Schiffe und Boote der Marine unter den gegenwärtigen sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen von herausgehobener Bedeutung. Bei den in den nächsten Jahren neu hinzukommenden Einheiten, wie den Fregatten der Klasse F125 und den Mehrzweckkampfschiffen der Klasse 180, ist deren Zulauf zügig durchzuführen und möglichst schnell die volle Einsatzbereitschaft zu erreichen.

Gleichzeitig ist der Flottenbestand in bestimmten Bereichen zu erhöhen, um alle Aufgaben erfüllen zu können. Die Ergänzungsbeschaffung eines zweiten Loses der Korvetten der Klasse (K130) zielt direkt darauf ab, zeitnah die Verfügbarkeit an einsatzbereiten Schiffen und Booten zu erhöhen und gleichzeitig Fähigkeiten für Operationen in küstennahen Gebieten wie z.B. in der Ostsee, im Mittelmeer oder im Roten Meer zu verbessern.

Ursprünglich sah die Bedarfsforderung von Dezember 1997 15 Korvetten in drei Losen zum Ersatz der insgesamt 40 Schnellboote der Klassen 143, 143A und 148 vor. Die neuen Korvetten sollten im Vergleich zu den Schnellbooten vor allem mit einer längeren Seeausdauer und einer deutlich gesteigerten Fähigkeit zur Interoperabilität mit anderen Einheiten zur Wahrnehmung von Führungsaufgaben ausgestattet sein.

Im Juni 1998 begann die Definitionsphase, die am 13. Dezember 2001 zur Unterzeichnung des Beschaffungsvertrages für den Bau von fünf Einheiten der Korvette K130 im damaligen Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung führte. Die weiteren zehn Korvetten des 2. und 3. Loses sollten nach dem Jahre 2011 – harmonisiert mit dem Nutzungsdauerende des 7. Schnellbootgeschwaders – zulaufen.
Korvette 'Magdeburg' (Foto: Deutsche Marine)

Während zu Beginn der neunziger Jahre für die Landes- und Bündnisverteidigung in küstennahen Gewässern von Nord- und Ostsee noch 24 U-Boote, 40 Schnellboote, 54 Minenabwehreinheiten und 110 Marinejagdbomber für Operationen bereitstanden, hat sich die Zahl bis heute auf sechs U-Boote, fünf Korvetten und – bis 2018 – zehn Minenabwehreinheiten verringert. Für die Marine hat sich durch mehrere Strukturentscheidungen, die in der Folge zu einer Reduzierung von Einheiten der Marine führte, und die parallel dazu in der letzten Dekade kontinuierlich gestiegene Zahl der – häufig gleichzeitigen – maritimen Einsätze der Bundeswehr die Belastung der Flotte erhöht. Angesichts der sicherheitspolitischen Entwicklung wird sie absehbar auf hohem Niveau verbleiben. Hinzu kommt die Notwendigkeit der Teilnahme an NATO- und weiteren Hochwertübungen sowie an multinationalen Verbänden.

Aus dem aktuellen Bestand von fünf Korvetten können im Durchschnitt zwei Einheiten durchhaltefähig bereitgestellt werden, da neben den reinen Zeiten für die Einsätze Zeiträume für Ausbildung, Instandsetzung, Einsatzausbildung, Einsatznachbereitung und Verlegung zu berücksichtigen sind. Das entspricht einer Verfügbarkeit im Einsatz von ca. 40 % des Korvettenbestandes oder, anders ausgedrückt, einem Faktor von 1 : 2,5.

Hinzu kommt, dass der Bestand an einsatzreifen Fregatten bis zum Beginn der kommenden Dekade aufgrund der Außerdienststellung der Fregatten der Klasse 122 und der erst langsam ansteigenden Verfügbarkeit von Fregatten der Klasse 125 bestenfalls bei elf Einheiten (4 x F123 + 3 x F124 + 4 x F125) liegt. Die Verfügbarkeit von voll einsatzbereiten Fregatten liegt jedoch aus den gleichen Gründen wie bei den Korvetten bei deutlich weniger Fregatten.

Um die Verfügbarkeit von Fregatten und Korvetten für Einsätze der Marine zu verbessern, ist eine Bestandserhöhung dringend geboten. Hinsichtlich der erforderlichen Anzahl kommen die aktuellen NATO-Forderungen an Deutschland nach verfügbaren und durchhaltefähigen Korvetten zum Tragen. Nur mit einer Ergänzungsbeschaffung von weiteren fünf Korvetten K130 kann deshalb sowohl die operationell erforderliche Verfügbarkeit signifikant und vergleichsweise schnell erreicht als auch der NATO-Forderung entsprechend Rechnung getragen werden.

Mit dem 1. Los K130 wurde ein sehr modernes System mit hohen technischen Standards beschafft. Die anfänglichen Mängel, die grundsätzlich bei neu entwickelten Waffensystemen dieser Größenordnung und Komplexität auftreten können, sind mittlerweile beseitigt. Die Korvette K130 ist derzeit die modernste Überwasserkampfeinheit der Deutschen Marine. Diese Korvetten haben ihre Einsatzreife erfolgreich bewiesen und sich ausgezeichnet bewährt.

So ist die Korvette „Erfurt“ im Juni 2016 nach einer siebzehnmonatigen Abwesenheit aus unterschiedlichen Einsätzen und mit drei unterschiedlichen Besatzungen in ihren Heimathafen Warnemünde zurückgekehrt. Dies war die bisher längste Abwesenheit eines Schiffes bzw. Bootes der Deutschen Marine. Die hieraus gewonnenen Erfahrungen zeigen, dass durch diesen Einsatz keine erkennbar erhöhten Abnutzungserscheinungen oder technische Ausfälle aufgetreten sind. Mit geplanten, kurzen Instandhaltungsperioden im Einsatzgebiet konnten notwendige Wartungen und kleine Umrüstungen im Zusammenwirken der jeweiligen Besatzung, der marineeigenen Systemunterstützungsgruppe für Korvetten, des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr, des Marinearsenals, des Marineunterstützungskommandos und der Industrie erfolgreich und zeitgerecht abgeschlossen werden.

Dieses erfolgreiche Konzept soll nun durch eine Nachbeschaffung fortgesetzt werden. Mit der Nachbeschaffung von fünf Korvetten K130 wird am bewährten Konstruktionsstand der K130 des 1. Loses festgehalten, weil er die Anforderungen der Marine umfassend erfüllt. Dafür sprechen viele technische und logistische Gründe mit den durch eine Systemfortführung zu generierenden Synergieeffekten wie:

  • der signifikant niedrigere Aufwand für die Herstellung der Versorgungsreife;
  • positive Effekte beim Vorhalt und der Beschaffung von Ersatzteilen;
  • Rückgriffsmöglichkeiten auf vorhandene technische Dokumentationen sowie
  • eine höhere Verfügbarkeit von Material und Instandsetzungskapazitäten.

Darüber hinaus stellt eine Nachbeschaffung die wirtschaftlichste Lösung dar, weil auf eine Neuentwicklung verzichtet werden kann und Realisierungsrisiken für dieses komplexe Waffensystem signifikant reduziert werden.

Im Vergleich zu am Markt befindlichen Konzepten spricht vieles für die hohe Leistungsfähigkeit des Systems Korvette K130. Die Korvette K130 ist für einen weltweiten Einsatz mit Ausnahme polarer Gewässer ausgelegt, obwohl ihr Einsatzprofil hauptsächlich Küstengewässer und Randmeere ausweist. Darüber hinaus besitzt sie einen weitgehenden Beschuss- und Splitterschutz, einen ABC-Schutz und ein kleines Lazarett. Zusätzlich verfügt sie über einen modernen, deutschen Unterkunftsstandard, also z.B. Kammern mit eigenen Nasszellen.

Korvette 'Braunschweig' (Foto: Deutsche Marine)Das Design der Korvette K130 soll weitestgehend unverändert beibehalten werden. Abweichungen vom bestehenden Design sind bei der beabsichtigten Ergänzungsbeschaffung nur aufgrund gesetzlich zwingend vorgeschriebener Auflagen oder zur Beseitigung von Obsoleszenzen vorgesehen. Das betrifft zum Beispiel Komponenten des Navigations- und Kommunikationssystems, des Radarsystems, des Waffen- und Führungsmittelsystems sowie einzelne Komponenten des Plattformsystems, aber auch Rettungsmittel. Diese Maßnahmen wären ohnehin für die bereits in Betrieb befindlichen K130 in den kommenden Jahren notwendig gewesen und sollen für alle 10 Korvetten umgesetzt werden, um so weitestgehend baugleiche Boote für die Marine zur Verfügung zu stellen.

Mit der Ergänzungsbeschaffung eines zweiten Loses K130 setzt die Bundeswehr die bereits 1997 in der taktisch-technischen Forderung niedergeschriebene Absicht um, weitere Korvetten dieses Typs zu beschaffen und legt damit gleichzeitig den Grundstein, die materielle Einsatzreife der bereits in Betrieb befindlichen Korvetten K130 für die Zukunft zu erhalten. Insbesondere zeigt die Ergänzungsbeschaffung der Korvetten K130 jedoch den Weg auf, die Verfügbarkeit der maritimen Fähigkeiten der Bundeswehr zügig zu erhöhen. 

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