Geopolitik, Fischerei und die internationale Ordnung auf See

„Endspurt“ für die meisten Fischarten

Moritz Brake

(Moritz Brake ist Marineoffizier und promoviert am King’s College London an der Fakultät für War Studies. Er ist Mitglied im Deutschen Maritimen Institut und Auditeur des französischen Institut des Hautes Études de Défense National (IHEDN). 

 

Die Ressource Fisch, mit all ihrer lebenswichtigen Relevanz für uns Menschen, unsere Ernährung, Geschichte und Kultur, wird schon seit Generationen von uns in einem Maße ausgebeutet, das nicht durch natürliche Regeneration gedeckt wird. Auch in modernen Industrienationen sind die Folgen oft drastisch: Als beispielsweise die Kabeljaubestände vor Neufundland Anfang der 1990er Jahre aufgrund von Überfischung zusammenbrachen, verloren etwa 40.000 Menschen allein an der kanadischen Ostküste ihre Arbeit und Lebensgrundlage.

Das umfassende langjährige „The Sea Around Us“- Projekt der Wissenschaftler um Daniel Pauly und Dirk Zeller an der Universität von British Columbia legt seit 1999 die Daten nationaler Fischereistatistiken und der Food and Agriculture Organization (FAO) der Vereinten Nationen erstmals in historischer Perspektive global zusammen. Die resultierende, ernüchternde Bilanz wird auch von weiteren Daten gestützt. So lässt sich anhand der jeweils üblichen Speisefische über die vergangenen Jahrzehnte erkennen, dass wir Menschen mittlerweile Vieles essen, was früher nur „Beifang“ gewesen wäre – bis hin zur Proteinnutzung aus Quallen. Wir fangen unseren beliebtesten – und deshalb ohnehin immer selteneren – Speisefischen auch zunehmend deren Beute zum eigenen Verzehr weg.

Dieses Phänomen bezeichnet man als „fishing down the food-web“. Deshalb erholen sich die Bestände auch jener wenigen größeren Fische nur noch sehr langsam, die bereits über Fangquoten und -moratorien immerhin teilweise geschützt sind. Darüber hinaus werden bei nahezu punktgenauer satellitengestützter Fanggrundbestimmung systematisch ergiebige Meeresabschnitte wie Ackerböden Furche um Furche umgepflügt, bis sie regelrecht „verwüstet“ sind. Im Gesamtergebnis wird die Regenerationsfähigkeit der Fischbestände immer weiter reduziert, während die Fangtechniken eine immer lückenlosere Ausbeute möglich machen.

größte Fangmengen in Küstennähe (quelle: searoundus.org)Der größte Nährstoffreichtum, die größte Bestandsdichte der Meeresfauna ist in Küstennähe zu finden. Deshalb hatte menschlicher Fischfang schon weit vor Kühlschiffen und weitreichenden Dieselantrieben gravierende Auswirkungen auf die Fischbestände. Anhand archäologischer Funde in Europa und Nordamerika ist belegt, dass unsere Speisefische noch vor einigen hundert Jahren viel häufiger anzutreffen waren und mit deutlich größerer Einzelmasse der Individuen gefangen wurden. Tatsächlich gelten Nord- und Ostsee, nach Stand der Forschung eines weiteren, auf umfassende globale Datenerhebungen in den Ozeanen ausgelegten Projektes, „Census of Marine Life“, seit mindestens 500 Jahren als überfischt.

Angefangen von fehlenden Muschelbänken im Wattenmeer bis hin zum seit Generationen betriebenen Fang der größten Fische in der Nahrungskette: Die zu starke Entnahme wichtiger Arten führt zum Verlust der Biodiversität, wenn einzelne Spezies plötzlich ihre Fressfeinde verlieren, zum Verlust der Wasserqualität, wenn mit den großen Muschelbänken die „Filteranlagen“ des Meeres schwinden. Letztlich gehen sowohl das „Sea Around Us“-Projekt als auch der „Census of Marine Life“ davon aus, dass etwa 90 % der ursprünglich vorhandenen größeren Jäger unter den Fischen heute durch kontinuierlichen menschlichen Fischfang fehlen. Und damit kippte das Gleichgewicht der Nahrungsketten: Denn auch bei ausbleibendem Fang durch den Menschen haben es die einst die Nahrungskette dominierenden Fischarten schwer, sich zu regenerieren, da im Laich und Larvenstadium deren Nachwuchs kleineren unkontrolliert ausgreifenden Arten zum Opfer fällt.

Was aber die Fischerei schon in der Antike und im Mittelalter in Europa an erkennbaren Spuren hinterließ, nahm schnell globale Züge an, als nach dem Zweiten Weltkrieg der Fischfang durch technische Neuerungen keinen Grenzen der Machbarkeit mehr unterlag. Auch wenn viele traditionelle Fischgründe bereits stark an Produktivität verloren hatten, führte die Erschließung der abgelegensten Winkel der Ozeane zur Spitze der globalen Fischausbeute in den Jahren zwischen 1950 und 1970. Seitdem nimmt die globale Fangmenge ab.
 

Fisch: Lebenswichtig und doch stetig knapper

Mittlerweile sind Fangflotten global im Einsatz, um den Fischhunger unserer Gesellschaften zu stillen. Dabei reichen die technischen Kapazitäten problemlos aus, um bei konzentriertem Einsatz innerhalb weniger Tage ganze Meeresregionen und Spezies regelrecht abzufischen. Dort, wo Fangquoten greifen, bleiben sie oft aus kurzfristigen Erwägungen hinter den zur Erholung der Bestände tatsächlich nötigen Einschnitten zurück. Außerdem gibt es bislang keine wirksame Möglichkeit, auf Hoher See alle Staaten gleichermaßen auf Fangmengen und -moratorien zu verpflichten. Ein nur in einer Küstenregion geschützter Fisch kann bereits jenseits der hoheitlichen Seegrenzen legal von anderen Nationen befischt werden. Etwaig geltende Standards auf Hoher See werden dann nur noch von den Flaggenstaaten der Fischereischiffe durchgesetzt – oder auch nicht. Sogenannte „Billigflaggen“ sind auch im Fischereigeschäft ein beliebtes Schlupfloch, um strengen Auflagen zu entgehen.

Aufteilung der Ozeane in Ausschließliche Wirtschaftszonen (AWZ) und Hohe See (Quelle: searoundus.org)Auch, um Küstenstaaten demgegenüber eine stärkere Handhabe zu geben, gesteht das Internationale Seerechtsübereinkommen (Montego Bay, 1982) diesen eine sogenannte „Ausschließliche Wirtschaftszone“ (AWZ) zu. Über die Territorialgewässer von 12 sm hinaus, bis zu 200 sm von der Küste entfernt, untersteht sämtliche Ressourcennutzung, einschließlich Fischerei, der Kontrolle des Küstenstaates. Auf der nebenstehenden Karte sind diese Zonen weltweit im Verhältnis zur Hohen See zu erkennen.

Auch wenn damit bei Weitem nicht das Gros der Fläche der Ozeane einer fischereirechtlichen Kontrolle unterliegt, so wäre – bei genügend weit verbreiteten nachhaltigen Standards und der Fähigkeit, diese auch gegenüber illegaler Fischerei durchzusetzen – das Problem der Überfischung dennoch in den Griff zu bekommen. Denn die Küstenzonen sind die biologisch produktivsten Meeresregionen, aus denen weit über 90 % des weltweit gefangenen Fisches stammen (siehe nachfolgende Grafik des „Sea Around Us“-Projektes). Damit würde jede wirksame Schutzinitiative dort einen umso größeren Effekt erzielen.

Problematisch dabei ist allerdings der oft fehlende politische Wille (nicht nur) in fragilen Staaten, kurzfristige Gewinne für eine langfristig verlässliche Ressourcennutzung zu opfern. Und so lange immer noch genügend Akteure internationale Abkommen blockieren oder unterlaufen, wirkt die Ressource Fisch tatsächlich spürbar endlich und deren Nutzung als Nullsummenspiel: Was der Eine nicht fängt – aus welch hehrer Überlegung auch immer – wird sich ein Anderer skrupellos aneignen. Am Ende zählt in dieser Sichtweise nur, wer sich von dem knappen Gut im Endspurt noch das meiste sichern konnte. Und ein „Endspurt“ ist es bereits für die meisten besonders wertvollen Fischarten.

Blauflossenthunfische dürften beispielsweise aus nachhaltiger Sicht seit Jahren überhaupt nicht mehr gefangen werden. Aus Sicht von Spekulanten jedoch ist der auf in wenigen Jahren vorhergesagte Zusammenbruch der Spezies als kommerziell nutzbare Art, ein Ansporn, jetzt noch zu fangen, was zu fangen ist – und über Tiefkühllagerkapazitäten die bevorstehende Preisexplosion abzuwarten.
 

(Illegale) Fischerei als Treiber von Konflikten?

Angesichts der Relevanz der Ressource und dem Geld, das damit mitunter verdient werden kann, liegt der Verdacht nahe, dass Fischerei – und der Streit darum – auch ein Treiber von Konflikten sein könnte (am 18.07.2017 beispielsweise tagte das Royal United Service Institute [RUSI] in London zu genau diesem Thema). Allerdings darf man dieses Bild der Fischerei als Konflikttreiber auch nicht überstrapazieren. Dafür ist der Verteilungskampf vielleicht (noch) nicht hart genug, als dass sich große Konflikte daran entzünden oder gar darum geführt werden könnten. Seefisch ist obendrein eine Ressource, die sich – trotz aller Küstennähe der wichtigsten Bestände – in Konflikten verhältnismäßig schlecht kontrollieren lässt. In jedem Fall besteht aber die Gefahr, dass sich Krisen der Fischbestände destabilisierend auf fragile Küstengesellschaften auswirken, die auf deren Nutzung angewiesen sind.

Für Somalia allerdings, das in diesem Zusammenhang oft zitiert wird, lässt sich ein Zusammenhang zwischen (illegaler) Fischerei und der Gewalt auf See oder an Land nur schwerlich konstruieren. Illegale Fischerei ist ein substantielles Problem Somalias, aber sie kann kaum als Ursache der dortigen Piraterie herangezogen werden. Vielmehr sind beide – illegale Fischerei und Piraterie – Folgen des gleichen Grundübels: Einer Abwesenheit funktionierender staatlicher Ordnung auf See und an Land.

Von der Zusammensetzung der Bootsbesatzungen (oft junge Männer aus dem Hinterland, auf der Suche nach schnellem Geld), der Wahl ihrer Opfer (überwiegend Frachtschiffe), der Behandlung am Elend Somalias unschuldiger Dritter (die in Geiselhaft oft schwer misshandelten Seeleute), bis hin zur Verwendung der kriminellen Gewinne (gem. Weltbankstudien des Jahres 2013 floss der Löwenanteil der Lösegelder in politische Korruption und den Aufbau und Unterhalt bewaffneter Banden), lässt sich der Mythos des somalischen Piraten als modernem „Robin Hood“ und selbstermächtigtem „Fischereischützer“ nicht aufrecht erhalten. Die Selbstrechtfertigungslegende der Piraten allerdings bleibt in Somalia hartnäckig populär und ist für die Stabilisierung des Staates eine bedeutende Herausforderung.

Fischerei ist zwar als treibende Kraft hinter großen Konflikten (noch) nicht auszumachen, aber im Südchinesischen Meer werden Fischereiflotten nicht nur von der Volksrepublik China als geopolitisches Machtmittel eingesetzt. Nicht an ökonomischen, geschweige denn ökologischen Erwägungen orientiert, sondern teils sogar bewaffnet eingesetzt, werden massive Überkapazitäten geschaffen, um Konkurrenten in umstrittenen Meeresregionen an den Rand zu drängen.
paramilitärisch organisierte chinesische Fangflotte (Foto: staatl. chin. Medien)

Während der internationale Fokus des Konfliktes um die Spratly-Inseln in der Regel auf Öl- und Gas-Reserven liegt, wird oft vergessen, dass die Fischerei in dieser Region ein Wirtschaftszweig mit nahezu zwei Millionen Beschäftigten ist, der in den Anrainerstaaten – Gesellschaften, in denen speziell die Ärmsten bis zu 75 % ihres Proteinbedarfs über Fischkonsum decken – eine überlebenswichtige Rolle spielt. Scheinbar gefangen in einer sich selbst befeuernden Eskalationsspirale, rücken notwendige Maßnahmen einer regionalen und internationalen Kooperation in weite Ferne.
 

Geopolitik und Fischerei: Keine Alternative zur Kooperation

Es ist klar, dass die für die Menschheit lebenswichtige Ressource Fisch nicht mehr lange so ausgebeutet werden kann, wie dies seit Generationen der Fall ist. Um den Trend der sinkenden Produktivität der Meere als Nahrungsmittelquelle aufzuhalten und umzukehren, müssen Fangmengen und -methoden begrenzt sowie einzelne Spezies und Meeresregionen auf Jahre – bisweilen Jahrzehnte – ganz vom Fang ausgenommen werden.

Dazu muss international gemeinsam gehandelt werden. Auch wenn es zwar seit dem 19. Jahrhundert bereits erste internationale vertragliche Regelungen zur Fischereikooperation gibt, sind die vorhandenen Abkommen durch zu geringen Rückhalt in der Staatengemeinschaft ineffektiv. „Billigflaggen“ ermöglichen das Umgehen bestehender Regeln auch für Schiffseigner aus Vertragsstaaten, während andere wichtige Fischereimächte wie China (industrieller Fischfang auf Hoher See und über 90 AWZ weltweit) oft derartige Fangbeschränkungen grundsätzlich ablehnen. Auch ist fraglich, wie sich BREXIT und „America First“ auf die internationale Fischereikooperation auswirken werden.

Bleibt allerdings eine radikale Kehrtwende zu mehr internationaler Kooperation aus, wird das klassische geopolitische Nullsummenspiel im Fall globaler Fischbestände zu einer „self-fulfilling prophecy“: Wenn genügend wichtige Akteure die Fischerei als letztes Wettrennen auf eine immer knappere Ressource verstehen, dann wird sie in nicht allzu ferner Zukunft genau das gewesen sein. Gelingt es aber im Gegenzug, ein Verständnis für die Ozeane, „als gemeinsames Erbe der Menschheit“, im Geiste des Seerechtsübereinkommens, zu etablieren, dann haben dringend nötige Schutzinitiativen Aussicht auf Erfolg. Da dies allerdings derzeit nicht greifbar scheint, müssen bis zur Verwirklichung großer internationaler Lösungen – auch wenn einseitige Eingriffe in die „Freiheit der Meere“ zurecht umstritten sind – immerhin einzelne Staaten und Staatengemeinschaften fortschreitend Meeresregionen bestimmten Nutzungsformen entziehen – im Interesse der gesamten Menschheit.

Eine globale Einigung auf Fischereistandards ist zwar im Augenblick noch weit entfernt, aber die Einrichtung von Zonen, in denen sich die Ökosysteme ohne Einfluss durch Fischerei und andere Ressourcennutzung erholen können, ist nicht nur möglich, sondern auch bereits in ersten Erfahrungen sehr erfolgversprechend. Mitunter stellen sich auch positive Effekte solcher Schutzzonen auf weiterhin wirtschaftlich genutzte Nachbarregionen schon binnen weniger Jahre ein (Ähnliches scheint im Kleinen auch in durch Bohrinseln und Windparks für die Fischerei gesperrten Gebieten zu gelten). Zusätzlich können auch Verbraucher, über die bewusste Wahl von als nachhaltig zertifizierten Produkten, Druck auf die Fischereiindustrie ausüben. Auf diese Weise gelingt es sogar mittlerweile, so manchen „Billigflaggen“-Staat zur Einhaltung von Mindeststandards seiner Schiffe zu bewegen.

Daher gibt es trotz allem auch Grund zur Hoffnung. Nicht zuletzt, weil die Übernutzung der Meere durch Fischerei eine Begleiterscheinung menschlicher Zivilisation seit mindestens einem halben Jahrtausend zu sein scheint, sind die Effekte erfolgreicher Schutzinitiativen wahrscheinlich deutlich höher zu erwarten, als es der bloße Ausgleich der in unserer Lebensspanne deutlich belegten Verluste an Produktivität der Ozeane verspricht. Die Erinnerung an intakte Ozeane ist der Menschheit schlichtweg seit Generationen abhanden gekommen.

Copyright (C) 2013 MarineForum   |   marineforum@mov-moh.de   |   Impressum   |   Redaktion: Ulrich-von-Hassell-Str. 2, 53123 Bonn

Deutsche Marine

Deutsches maritimes Kompetenz Netz